„Sprache dient nicht nur der Kommunikation“: Ein Interview mit Tigrinya-Autor Salomon Ykealo

Image
Autor Salomon Ykealo mit dem Kauderwelsch Tigrinya

Wie schreibt man einen Sprachführer für eine Sprache, für die es bisher auf Deutsch weder Lehrwerke noch Grammatiken, geschweige denn eine offizielle Lautschrift gibt? Wie kann man diese Sprache, die Eritrea und Äthiopien miteinander verbindet, fassen? Und vor allem: Warum nimmt man diese Mühe auf sich? Autor Salomon Ykealo spricht im Interview über den Kauderwelsch Tigrinya als Pionierwerk, über besondere Laute und Sprache als Teil der Identität.


Herr Ykealo, wie würden Sie Tigrinya jemandem beschreiben, der bisher noch keine Berührungspunkte mit dieser Sprache hatte?

Ich würde Tigrinya als eine Sprache beschreiben, die eigenartige semitische Laute hat [Anm.: Tigrinya gehört zur Familie der semitischen Sprachen, die über ein anderes Lautsystem verfügt als beispielsweise die Familie der romanischen Sprachen]. Diese Laute muss man auf jeden Fall üben, weil sie in den europäischen Sprachen gar nicht vorhanden sind und es deshalb umso wichtiger ist, sie frühzeitig zu erlernen. Hier zwei Beispiele:

Der Buchstabe ist ein kurzer stimmhafter Konsonant und ähnelt einem in der zusammengepressten Kehle gebildeten „ä“. Dieser Ton wird praktisch aus dem hinteren Rachenraum herausgepresst und klingt dadurch leicht dumpf.

Der Buchstabe klingt wie ein aus dem Gaumen gepresstes, fast verschlucktes „t“. Einen solchen Laut gibt es in der deutschen Sprache überhaupt nicht; die Zungenspitze schlägt an den Gaumen, ungefähr so wie ein missbilligendes Zungenschnalzen, aber weiter hinten.

Die überwiegende Mehrheit der Laute ist aber eigentlich deckungsgleich mit den europäischen Sprachen. Insofern sollte man nicht verzagen: Tigrinya ist erlernbar, die Hürde der fremdartigen Laute ist nicht unüberwindbar.

Sie kommen aus Eritrea, leben aber bereits seit 1980 in Deutschland. Wie gelingt es Ihnen, die Sprache Tigrinya im Alltag lebendig zu halten?

Ich habe sehr, sehr früh gemerkt, dass das eine Lebensaufgabe ist. Als ich mit 16 Jahren nach Deutschland kam, musste ich alles hinter mir lassen, aber die Sprache blieb. So wurde es für mich sehr wichtig, die Sprache zu bewahren, weiterzuentwickeln, aber auch zu kommunizieren. Da ja sehr viele Eritreer:innen hier leben, blieb ich in ständigem Kontakt zu meinen Landsleuten und konnte so auch sprachlich zu diesem Kulturkreis den Kontakt halten.

Was verbinden Sie persönlich mit Tigrinya?

Die tigrinische Sprache ist für mich Identität – sie ist ein Teil von mir –, ermöglicht mir aber auch die Integration in der hiesigen Gesellschaft, in Deutschland. Denn ich denke, wenn die eigene Identität nicht stabil ist, kann Integration hier auch nicht gelingen. Um sich zu integrieren, ist also beides wichtig, sowohl die Relation zur Herkunftssprache als auch zur deutschen Sprache. In dieser Hinsicht sind Sprachen immer faszinierend: Sie dienen schließlich nicht nur der Kommunikation, sondern vermitteln auch eine Menge über Kulturen, Sitten und Bräuche.

Das Verfassen eines Sprachführers für Tigrinya war mit einigen Herausforderungen verbunden. Worin bestanden diese?

Zunächst möchte ich einmal ein großes Dankeschön an meine Lektorin aussprechen, mit der ich während des Buchprojekts in einem engen Austausch stand. Sie hat sich sehr für dieses Buch und diese Sprache eingesetzt. Die größten Herausforderungen beim Verfassen des Sprachführers lagen in der Transliteration, also der Übertragung der Sprache ins deutsche Schriftsystem, und in der Translation, der Übersetzung sprachlicher Einheiten, weil die Denkweise hinter der tigrinischen Sprache eine ganz andere ist als die Denkweise hinter der deutschen Sprache. Das kompatibel zu machen, war immer ein Ringen, dem wir beide, die Lektorin und ich, uns gestellt haben.

Was war Ihre Motivation, einen Sprachführer Tigrinya zu verfassen?

Ich sehe das Buch ein Stück weit als kulturellen Beitrag zu der multikulturellen Gesellschaft, die wir hier in Deutschland haben. In dieser Gesellschaft leben inzwischen sehr viele Eritreer:innen, die mitunter in den letzten Jahren hierhergekommen sind und es gibt nur wenig Literatur, um die deutsche Sprache zu erlernen. Dieses Buch kann also auch von tigrinisch-sprechenden Menschen genutzt werden, um ihre deutschen Sprachkenntnisse zu verbessern. Ich würde mir wünschen, dass es somit auch zur Integration von Eritreer:innen in der deutschen Gesellschaft beiträgt.

Die tigrinische Sprache ist nicht einfach zu lernen. Was würden Sie Interessierten als Ratschlag mit auf den Weg geben?

Das Verbalsystem [Anm.: die Gesamtheit der Verben, inklusive ihrer verschiedenen Formen und Funktionen, innerhalb einer Sprache] der tigrinischen Sprache – der semitischen Sprachen im Allgemeinen – ist sehr schwierig und komplex. Deshalb ist es wichtig, die Wortwurzel zu erkennen: Woraus besteht das „Skelett“ des Wortes? Daraus lassen sich dann verschiedene Bauelemente erlernen. Das Verbalsystem ist also unbestreitbar eine Herausforderung, aber wenn man den Willen und das Interesse hat, lässt es sich gut bewältigen.

Warum lohnt es sich, Tigrinya zu lernen?

Es lohnt sich, weil Kulturen und Menschen sich durch Sprachen näherkommen. Wenn sprachliche Barrieren existieren – das sehen wir zum Beispiel beim Thema Migration – dann wird man in gewisser Weise anonym: Man ist unbekannt, man ist fremd. Aber wenn man sprachlich Verbindungen herstellen kann, ist man nicht mehr der Fremde, sondern wird ein Stück weit auch Teil der Gesellschaft.

Als Sprachbegeisterter haben Sie sicher schon einige Lehrwerke in der Hand gehalten. Was mögen Sie am Konzept der Kauderwelsch Sprachführer besonders?

Mir gefällt, dass die Kauderwelsch Sprachführer zwar kompakt, aber trotzdem inhaltsreich und sehr differenziert sind. Sie sind in vielerlei Hinsicht sehr gründlich ausgearbeitete Bücher, hinter denen Autoren stehen, die innerhalb ihres Bereichs äußerst kompetent sind.

Sie sprechen neben Tigrinisch und Deutsch auch Hebräisch. Welche Sprache interessiert Sie außerdem noch?

Ich würde gerne Arabisch lernen, wenn ich dafür die Zeit finden würde. Arabisch ist mit Tigrinisch und Hebräisch verwandt und gehört ebenfalls zur Familie der semitischen Sprachen, wodurch viele Gemeinsamkeiten bestehen. Außerdem ist Arabisch in meinem Kulturkreis, im Horn von Afrika, sehr wichtig und präsent. Nicht nur durch den Islam, sondern auch kulturell besteht dort seit Jahrhunderten ein reger Austausch – auch mit dem südarabischen Jemen. Die Sprache Arabisch finde ich deshalb sehr faszinierend.

Vielen Dank für Ihre Zeit und das interessante Interview, Herr Ykealo!

Passende Produkte